Tote Mädchen lügen nicht ( P.O.V. Hannah )

Wenn man über Bücher bloggt, wird man oft gefragt, ob man eigentlich auch selber an Geschichten schreibt. Und ja, ich schreibe selbst ab und zu mal an eigenen Ideen. Aber die sind noch nicht so weit, dass man sie hier veröffentlichen könnte. Da dieses Thema aber immer ein solches Interesse mit sich bringt, dachte ich, ich veröffentliche stattdessen mal eine ,,Fan Fiktion“. Im Rahmen einer Schulaufgabe sollten wir ein Kapitel eins Buches aus einer anderen Perspektive schreiben. Ich habe mich für das letzte Kapitel von ,,Tote Mädchen lügen nicht“ aus Hannahs Sicht entschieden. Viel Spaß! ACHTUNG SPOILERWARNUNG! 

Kassette 7: Seite B

Es ist mitten in der Nacht. Vor wenigen Stunden habe ich mich entschieden. Ich habe dem Leben eine letzte Chance gelassen, doch es hat sie nicht genutzt. Genauer gesagt hat Mister Porter sie nicht genutzt. Wie konnte ich nur so leichtgläubig sein, dass mich jemand verstehen würde. Jemand sich meinr annehmen könnte. Grimmig lasse ich mich auf den Boden meines Zimmers fallen und ziehe meinen Rucksack vom Rücken. Es gibt für mich keinen Grund, verzweifelt festzuhalten, mich an das Leben zu klammern, bis meine Hände blutig sind vom verkrampften Versuch, mich an dem dünnen Hoffnungsfaden hochzuziehen. Von allen anderen für meine Dummheit und Leichtgläubigkeit ausgelacht und verhöhnt.

Wie in Trance öffne ich meinen dreckigen Rucksack und nehme behutsam das Mikrofon und das Aufnahmegerät heraus. Ich zerre das Kabel raus, um wieder frei einsprechen zu können. Ich bereite mich darauf vor, meine letzten Worte zu sprechen. Das von mir zu geben, was all den Empfängern meiner Botschaften im Kopf hängen bleiben wird. Ich muss schluchzen, Tränen rinnen mir über meine kalten Wangen. Es ist vorbei. Ich bin trotz meines Beschlusses nicht fähig, auf den Aufnahmeknopf zu drücken. Um meine Eltern nicht aufzuwecken, drücke ich meine Hand auf meinen vor Wut und Trauer bebenden Mund, um mein Schluchzen zu unterdrucken. Einsame Tränen fallen auf den Boden und verfärben den hellen Teppich.

Still liege ich auf dem Boden und fahre mit meinen Fingern über die grobe Struktur meines Pullovers, bis ich mich beruhigt habe. Zeichne Blumen und Muster in die Luft, die nie jemand außer mir zu Gesicht bekommen wird. Die letzten Überreste meiner Liebe zu Kunst und Vollkommenheit. Unsichtbar. Die Träger des Rucksackes bohren sich in meinen Rücken, machen mir bewusst wie dünn ich geworden bin. Teilnahmslos lasse ich meinen Blick über die Bilder schweifen, die ich erst vor wenigen Monaten an meine Wände aufgehängt habe. Mir kommt es vor, als seien es Jahre, die zwischen dem glücklichen, lachenden Mädchen auf den Bildern und mir liegen. Wie konnte das Schicksal sich solche Grausamkeiten für mich ausdenken? Wieso muss ich diejenige sein, die sich vor lauter Selbsthass nicht erlaubt genug zu essen und sich um ihren Körper zu kümmern? Verzweifelt bohre ich meine abgebrochenen Fingernägel in meine Arme und lasse mich von dem Schmerz betäuben.

Mein Blick schweift durch mein Zimmer. Dem Raum, in dem ich stundenlang saß und lernte. Der Ort, an dem ich mit glühenden Wangen meinem ersten Date entgegensehnte. Ich betrachte die Bilder, die farbenfrohen Decken und die gemusterten Ordner, die auf meinem Schreibtisch stehen. Trotz der Unordnung, die in meinem Zimmer herrscht, deutet keiner dieser Gegenstände auf mich hin. Kein Detail zeigt mein kaputtes Inneres, die Kälte und die Verzweiflung, die mich antreibt. Es gibt zu wenig Gutes in meinem Leben. Zu wenige positive Erlebnisse und Momente, die dieses Loch stopfen könnten. Würde man das Gute und Schlechte, das mir innerhalb der letzten Monate widerfahren ist, auf eine Waage legen, würde das wenige Gute von dem immensen Gegengewicht aus der Schale geschleudert.

Ohne es zu wollen, denke ich an Clay. Ich habe ihn aus meinem Leben geschleudert. Habe die einzige Rettungsleine, die sich mir bot, über Bord geworfen. Aber ich bin froh, ihn nicht länger zu belasten. Clay, mit all seiner Aufrichtigkeit, seiner Güte und seiner Freundlichkeit verdient jemanden, der seine Lebensfreude erwidern kann. Jemanden, mit dem er glücklich werden kann. ,,Leb wohl, Clay.“ Ich denke daran, wie er die Kassetten vor seiner Tür finden wird. Wie er wohl gucken wird, wenn meine Stimme, die er dachte nie wieder zu hören, seinen Kopf erfüllt. Ich bringe es nicht über mich, mich richtig von ihm zu verabschieden.

Feige, wie ich bin, habe ich mich von niemandem verabschiedet. Von niemandem, als von verlassenen Häusern, leeren Cafés und Raketenrutschen. Denn Orte hören zu, wenn du deine Gedanken loswerden willst. Sie sind berechenbar und lassen dich in Ruhe mit deinen Problemen und Sorgen. Menschen sind impulsiv. Du kannst nie wissen, was für Emotionen sich in den nächsten paar Sekunden in den Augen deines Gegenübers widerspiegeln werden. Besonders, wenn du ihnen vermitteln willst, dass dies eure letzte Zusammenkunft sein wird.

Mein letzter Abend. Fasziniert stelle ich fest, dass ich die Sonne nie wieder untergehen sehen werde. Nie wieder zu Abend essen werde. Furcht durchfährt mich blitzartig. Ich kann das nicht. Ich kann nicht gehen. Nicht jetzt. Mit zusammengekniffenen Augen versuche ich mich abzulenken. Nicht über all diese kleinen Dinge nachzudenken, die ich nie wieder erleben werde. Ich will dem ein Ende setzten. Mir eine Rückkehr verweigern. Ein kleiner Gedanke formt sich in meinem Kopf, wird größer und endwickelt sich zu einem unstillbaren Gedanken.

Wie besessen stoße ich mich vom Boden ab und nähere mich den besagten Bildern. Mit bebenden Lippen reiße ich sie von der Wand und werfe sie zerknittert auf den Boden. Ruhelos gehe ich zu meinem Bett über, zerre die Kissen aus den Bezügen, und ziehe das dünne Material auseinander. Federn fliegen durch die Luft, und verfangen sich in meinem ungekämmten Haar. Mit zwei schnellen Handbewegungen reiße ich alles von der Oberfläche meines Schreibtisches. Stifte, Papiere und Ordner landen gemeinsam mit meinem Laptop klappernd auf dem Boden. Von dem lauten Geräusch verschreckt halte ich inne. Ich halte den Atem an und warte mit klopfenden Herzen auf eine Reaktion von meinen Eltern. Doch sie schlafen zu tief, um etwas mitzubekommen. Diese Situation beschreibt unser Verhältnis erschreckend zutreffend. Was für eine Ironie. Perplex sehe ich mich um, realisiere was ich soeben getan habe. Aber ich bereue es nicht. Es tut gut endlich nicht mehr das nette Mädchen von nebenan mimen zu müssen, das sich nicht von den schrecklichen Geschichten über sich beeinflussen lässt und mit einem aufgesetzten Lächeln in den Tagst startet. Endlich spiegelt ein Ort mich wider. Die Unruhe, die in meinem Kopf herrscht hat sich einen Weg gesucht, an die Oberfläche zu dringen.

In all dem Chaos liegt das Aufnahmegerät. Ich falle auf die Knie und drücke bedächtig auf den Knopf, der die Aufzeichnung startet. Ich habe mir Texte zurechtgelegt, lange überlegt wie ich mich verabschiede. Außer meinem leisen Atem ist nichts zu hören. Ich fokussiere mich auf das gleichmäßige Geräusch. Schließe meine Augen und muss lächeln. Es ist vorbei. Ich kann gehen, ohne von Schuldgefühlen geplagt zu werden. Vielleicht war es nicht schlecht, dass sie mir all das angetan haben. Vielleicht taten sie mir sogar einen gefallen. Vielleicht halfen sie mir, nicht grundlos zu gehen.

Ich atme ein und drücke meine Lippen gegen das kalte Mikrofon. Meine Stimme ist von Wärme erfüllt, als ich das letzte Wort ausspreche, das in diesem Leben über meine Lippen kommt. Die letzten Silben, die man von Hannah Baker zu hören bekommt. Vorsichtig forme ich das Wort, und lasse es los. “Danke“.

Die Aufnahme endet nach wenigen Sekunden. Das Band ist voll. Zitternde erhebe ich mich und stecke die aus dem Gerät entnommene Kassette in das Paket, das ich unter meinem Bett verborgen habe. Ich streiche den Staub weg, der sich innerhalb der letzten Woche auf die Kassetten gelegt hat und lasse sie in die Lücke gleiten, die auf das letzte Stückchen meiner Geschichte gewartet hat. Es ist, als würde ich einen Pakt unterschreiben, als ich den Pappdeckel schließe. Mir kommt es vor, als würde ich ein Versprechen erfüllen, als ich ihn mit Klebeband verschließe. Ich suche nach dem Brief, der Tony erklären wird, was zu tun ist, und lege ihn auf das Päckchen.

Bevor die Sonne aufgeht, werde ich losfahren und es zu ihm bringen. Bevor meine Eltern aufwachen, werde ich wieder hier sein. Und bevor sie meinen Plan verhindern können, werde ich tot sein. Von diesem Gedanken beruhigt, lege ich mich auf mein ungemachtes Bett und lasse mich von den letzten Träumen meines Lebens davontragen.

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